Erschütternd und bewegend

Aufwühlende szenische Lesung der Volksbühne Bad Emstal

VON URSULA NEUBAUER

Balhorn – Am Ende war es mucksmäuschenstill. Etwa 100 Besucher hatten der szenischen Lesung „Empfänger unbekannt“ der Volksbühne Bad Emstal in der Balhorner Landeskirche gelauscht. Sie waren erschüttert und tief bewegt von der Inszenierung des Briefromans „Adressat unbekannt“, den Kathrine Kressmann Taylor im Jahr 1938 herausgebracht hatte. Und so dauerte es eine ganze Weile, bis Beifall aufbrandete.
Landrat und Schirmherr Uwe Schmidt wies in seinem Grußwort auf die Bedeutung des 9. Novembers hin, der unter anderem mit dem Beginn der systematischen Verfolgung und Ermordung der Juden in Deutschland verbunden sei. Mit seiner Lesung setze das Amateurtheater aus Bad Emstal ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus und rechtsextremistische Gewalt, so Schmidt.
„Empfänger unbekannt“ ist ein fiktiver Briefwechsel in den Jahren 1932 bis 1934 zwischen dem deutschen Juden und Kunsthändler Max Eisenstein, der in den USA lebt, und seinem Freund und Geschäftspartner Martin Schulze, der nach Deutschland zurückgekehrt ist. Im Briefwechsel zwischen den beiden wird deutlich, wie Martins Hinwendung zum Nationalsozialismus und Max’ kritische Ablehnung des NS-Regimes zum Bruch der Freundschaft führt. Doch das Stück geht noch einen Schritt weiter. Der Tod seiner Schwester Gisela, an dem Martin Schulze Mitschuld trägt, bringt Max Eisenstein dazu, auf subtile Weise Rache an seinem früheren Freund zu nehmen.
Einen Briefroman in ein Theaterstück umzuarbeiten, ist nicht leicht für ein Amateurtheater. Doch das Ensemble der Volksbühne meisterte diese Aufgabe mit Bravour. Regisseurin Antje Hörl bewies dramaturgisches Einfühlungsvermögen, und die Darsteller Dirk Kraft (Martin Schulze) und Lothar Neumann (Max Eisenstein) lieferten eine schauspielerische Glanzleistung ab.
Da in dem Stück wenig Aktionen stattfinden, vollzieht sich die Handlung überwiegend im gleichzeitigen Schreiben und lautem Vorlesen der Briefe. Dabei wird klar, wie Ideologie und Fanatismus die Wortwahl und später die Handlung eines Menschen bestimmen.
Wenn beispielsweise Dirk Kraft als Martin Schulze von den Juden als eiternde Wunde spricht, die herausgeschnitten werden muss, und die Judenverfolgung als notwendig betrachtet, so geht das den Zuschauern nahe und macht betroffen. Aber auch Fotos aus der Zeit des Nationalsozialismus, die Antje Hörl herausgesucht hatte und die auf eine Leinwand projiziert wurden, setzten starke Akzente.
Uwe Hörl sorgte für einen reibungslosen technischen Ablauf, Fabian Hörl umrahmte die Aufführung mit einer Eigenkomposition auf der Gitarre. Marika Bayer brachte es auf den Punkt, als sie als Sprecherin aus dem Nachwort von Elke Heidenreich zur Buchvorlage zitierte: „So stark sind Worte, ja so stark!“

Ergreifende Inszenierung: Lothar Neumann (Max Eisenstein, links) und Dirk Kraft (Martin Schulze) in der szenischen Lesung „Empfänger unbekannt“ der Volksbühne Bad Emstal in der Balhorner Landeskirche.    Foto: Ursula Neubauer